Sonja Fröse

Fachautorin für Pflege

Was Apfelstrudel mit barrierefreien Toiletten zu tun hat

Was Apfelstrudel mit barrierefreien Toiletten zu tun hat

Senioren gehen häufig mit einem mulmigen Gefühl außer Haus, weil es immer weniger öffentliche oder gar barrierefreie Toiletten gibt. Der Einzelhandel hat häufig keine Kundentoiletten. In Restaurants befinden sich die Toiletten meist im Kellergeschoss und sind dadurch für die oftmals geh- und/ oder seheingeschränkten Senioren oder mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen Betroffene nur schwerlich bis gar nicht erreichbar.

Auch pflegende Angehörige, beispielsweise von Menschen mit Demenz benötigen öffentliche Toiletten, wo der/die Pflegebedürftige begleitet werden kann und entsprechend Platz für die Pflegeperson vorhanden ist.

Seit der Corona-Pandemie sind die Cafés und Restaurants geschlossen, der Einzelhandel bietet häufig keine Kundentoiletten an, bleiben also wirklich nur öffentliche Toiletten oder die in Einkaufszentren. Was aber tun an einem Sonntag nachmittag oder einen lauen Sommerabend – also außerhalb der Geschäftszeiten?

Notwendige Hilfsmittel wie ein Rollator passen so gut wie nie in eine normale Toilette und müssen dafür außerhalb abgestellt werden. Ohne die Nutzung wird das Gehen unsicher und die Sturzgefahr deutlich erhöht. Griffe zum Festhalten fehlen. Ist die Toilette insgesamt zu niedrig, fällt das Aufstehen schwer. Haken für die Kleidung oder Tasche sind selten, der Platz allgemein ist gering, die Beleuchtung ist schlecht. Ein Abfalleimer für Inkontinenzmaterial ist nicht vorhanden oder in der Frauentoilette ist bestenfalls ein (kleiner) Abfalleimer für Hygieneartikel vorhanden.

Seit vielen Jahren weiß unsere Gesellschaft vom demographischen Wandel und wir wissen auch, dass Senioren häufiger auf Toilette müssen als junge Menschen. Grund dafür kann beispielsweise eine allgemeine Blasenschwäche sein oder aufgrund der dauerhaften Einnahme von Diuretika (siehe hierzu meinen Blogeintrag über Medikamenteneinnahme). Ärzte, Ernährungsexperten, Gerontologen, Pflegekräfte und viele mehr versuchen täglich, Senioren zu motivieren immer ausreichend zu trinken, aber stoßen auf Grenzen, wenn es keine öffentlichen Toiletten gibt und Senioren deswegen das Haus nicht verlassen wollen. Zeitgleich soll das Haus verlassen werden, um die gesundheitsförderliche Wirkung von Bewegung und der Sonneneinstrahlung für sich zu nutzen. Das passt also nicht zusammen.

Was auch nicht zusammen passt, sind die allgegenwärtigen Getränke- und Kaffeeautomaten in Supermärkten und Geschäften, aber ausreichend zugängliche Toiletten gibt es nicht. Dabei würden Kunden länger durch die Gänge flanieren können und letzlich mehr einkaufen, wenn sie sich zwischendurch für eine Pause einmal hinsetzen und die vorhandene Toilette nutzen könnten.

Menschen, die im Außendienst arbeiten – z. B. Mitarbeiter von ambulanten Pflege- und Betreuungsdiensten, Stadtreinigung, Polizei und Ordnungsdienst oder Handwerker würden sich sicher ebenfalls über mehr saubere öffentliche Toiletten freuen. Sicht- und nutzbare Kundenfreundlichkeit in Form von Toiletten und Sitzmöglichkeiten wäre doch von Seiten der Geschäftsleute und den Komunen ein Beitrag zum allgemeinen Gesellschaftsleben.

Ist eine Kundentoilette vorhanden, beispielsweise in größeren Einkaufszentren und Kaufhäusern, dann sind diese häufig in einer bestimmten Etage, anstatt auf jeder Ebene. Manchmal muss extra ein Schlüssel besorgt und zurückgegeben werden oder es soll ein Obolus bezahlt werden, obwohl man doch bereits Kunde ist, also Geld vor Ort läßt. Zudem weiß man als Kunde nicht, wer dieses Geld letztlich wirklich einbehält.

Für Parkgebühren muss bezahlt werden, das klappt einwandfrei. Einzelne Geschäfte stempeln nach dem Einkauf die Parkkarte ab, sodass die Kunden weniger oder gar keine Parkgebühren bezahlen. Weshalb geht das mit der Toilette nicht ähnlich? Weshalb können die Kunden nicht eine entsprechende Münze oder Karte für die Kundentoilette (ggf. auf Nachfrage) beim Kauf erhalten?

Vorhandene Kundentoiletten sind zudem häufig optimierungsfähig in Bezug auf Barrierefreiheit und Inklusion. Dabei können bereits sehr einfache und kleine Veränderungen einen enormen Mehrwert schaffen:

An dieser Stelle spreche ich nicht über weitere Möglichkeiten wie den Einbau einer Duschtoilette (darüber werde ich gerne einen eigenen Blog-Artikel schreiben, denn das ist ein wirklich interessantes Thema) bei denen der Intimbereich mit Wasser gesäubert wird, ähnlich wie bei einem Bidet.

Sogenannte Komposttoiletten, beispielsweise von dem Start-up Unternehmen nowato bieten eine „weitestgehend“ barrierefreie Toilette an und haben ihren Schwerpunkt auf Müllvermeidung und Umweltschutz gelegt – ade enges, stinkendes Klohäuschen. Die Komposttoiletten sind überall aufstellbar, denn sie werden nicht am Abwassersystem angeschlossen. So können auch in Parks oder auf Parkplätzen schnell barrierearme Toiletten angeboten werden.  

Seit einigen Jahren gibt es das Projekt „Toilette für alle“ der Stiftung Leben pur, das sich zur Aufgabe gemacht hat, für mehrfach schwerstbehinderte Menschen Toiletten mit Pflegeliege und Personenlifter zugänglich zu machen. Es ist erschreckend zu hören, dass ohne eine entsprechende Pflegeliege und Liftersystem, die betroffenen Menschen auf dem häufig kalten und harten, im schlimmsten Fall schmutzigen Boden für das An- und Ausziehen liegen müssen!

„Toiletten für alle“ erfüllen zudem alle anderen Anforderungen an die Barrierefreiheit: Ausreichend Wenderadius, erhöhte Toilette, Haltegriffe, unterfahrbares Waschbecken, rutschhemmende Fliesen. Zudem würde der „Blick in eine andere Welt“ für den ein oder anderen sicher ebenfalls hilfreich und erdend sein – wie dankbar können wir sein, wenn wir diese Hilfsmittel nicht benötigen?! Zahlreiche Menschen haben von Hebeliftern noch nie gehört und haben keinerlei Vorstellung davon! Für das Projekt kann gespendet werden, damit möglichst schnell mehr „Toiletten für alle“ entstehen können.

Wir alle profitieren von zugänglichen und sauberen Toiletten im öffentlichen Raum. Wer hat sich noch nicht über Uringeruch auf Bahnsteigen oder an Häuserecken oder -eingängen geärgert? Das müßte sicherlich nicht sein, wenn ausreichend Toiletten zur Verfügung stünden. Alleinreisende mit Gepäck und Eltern mit Kinderwagen benötigen häufig ebenfalls barrierefrei Zugänge und etwas mehr Platz. Barrierefreiheit ist nicht nur für hehinderte Menschen geeignet, aber für sie notwendig!

Wie wird sich unsere Gesellschaft entwickeln, wenn immer mehr pflegebedürftige Menschen und Senioren in Deutschland leben und ein großer Teil dieser Bevölkerung aber am öffentlichen Leben nicht teilnehmen kann, weil der Zugang zur Toilette nicht möglich ist?

Was ist nun mit dem Apfelstrudel mit Oma, der in der Überschrift erwähnt wurde? Vielleicht denken Sie es sich schon: Vor einigen Jahren bin ich regelmäßig einmal im Monat mit einer Seniorin zum Großeinkauf in ein Einkaufszentrum gefahren. Zusammen haben wir diverse Geschäfte besucht: Die Drogerie, den Fleischer, den Zeitschriftenladen, das hat etwas mehr als eine Stunde gedauert und bevor es zum Supermarkt ging, musste eine Pause gemacht werden. Das Café im Einkaufszentrum hatte auf einer Ebene tolle Sitzmöglichkeiten, am Fenster einen herrlichen Wasserblick und eine behindertengerechte Toilette. Statt Geld für die Toilette im Untergeschoss zu zahlen, haben wir immer einen Latte Macchiato getrunken und dazu es gab Apfelstrudel.

Das Symbol der "Toiletten für Alle" durfte ich mit freundlicher Genehmigung verwenden.

 

 


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